Massmedien und Politik 2.0

Veröffentlicht: November 15, 2010 in Massmedien und Politik 2.0, Sozialer Wandel
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Das Thema der heutigen LV war „Massmedien und Politik 2.0“. Wir haben uns mit der Frage auseinandergesetzt, welchen Einfluss Web 2.0 und Social Media auf Massmedien, Politik, Regierung und Bürgerpartizipation haben. Dazu hat Matthias Fromm (Freie Universität Berlin, Frauenhofer IUK-Technologie) einen, wie ich finde,  aufschlussreichen virtuellen Gastvortrag in Adobe Connect gehalten. Unten finden Sie die direkten Links zu Folien und zur Aufzeichnung:

Herr Fromm hat in dem Vortrag auf vier wichtige Aspekte von Web 2.0 hingewiesen: (a) Zuhören, (b) Teilen, (c) Mitmachen und (d) Vernetzen. Seine These war, dass Web 2.0 über das Informieren hinaus, vor allem das Involvieren und Mobilisieren von Gruppen und Individuen ermöglicht. Im Kontext von Massmedien und Politik 2.0 wurden Potenziale von Web 2.0 vor allem in Hinblick auf Informationsversorgung, Transparenz, Beteiligung und Meinungsäußerung vorgestellt und anhand von Beispielen  erläutert. Die Kernthemen waren dabei Open Data, politisches Monitoring, Bürgerbeteiligung, politische Kampagnen,  Protest und Widerstand, Möglichkeiten zur demokratischen Teilhabe und Entscheidung. Insgesamt wurde der Einfluss von Web 2.0 auf Massmedien und Politik sehr positiv dargestellt.

Aufgrund des Zeitmangels, sind wir so verblieben, dass ich und Studierende in diesem Blog Fragen an den Gastdozenten stellen werden. Ich starte also die Runde mit meinen ersten zwei Fragen an H. Fromm:

  • Welche negativen Auswirkungen werden zurzeit beobachtet?
  • Welche negativen Entwicklungen werden prognostiziert und wie können diese verhindert werden?

Ich freue mich auf die Antwort des Gasdozenten und weitere Fragen bzw. Kommentare der Studierenden.

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Kommentare
  1. Vielen Dank für diesen Beitrag und für die Gelegenheit zu diesem Gastvortrag, es war mir ein Vergnügen.

    Ihre Fragen adressieren einen schwierigen Aspekt, zu dem es ebenso viele Seiten gibt wie Praxisbeispiele zu meinem Vortrag. Daher ist die Antwort noch in Arbeit, erscheint aber noch später (in nicht allzu langer Zeit) hier.

  2. Vielen Dank noch einmal für die schwierigen Fragen! 😉

    Leider bin ich gestern nicht noch einmal dazu gekommen auf Ihre Fragen zu antworten, deshalb jetzt eine komprimierte Antwort dazu.

    „Welche negativen Auswirkungen werden zurzeit beobachtet?“

    Ich denke wenn wir von negativen Auswirkungen sprechen können, dann dürfte es sich in der Mehrheit um die typischen Auswüchse von Kommunikation im öffentlichen Raum und vermehrt auch um daten- und datenschutzbezogene Aspekte handeln.
    Hier würde ich einige der überall im Social Web auftretenden Risiken anführen:

    Der Umgang mit Daten

    1. Datenmissbrauch durch Identitätsdiebstahl, im Besonderen auch durch Nicknapping
    2. Eng damit in Zusammenhang steht der Datenmissbrauch durch
    Fake-Accounts (im schlimmsten Fall mit einer darauf anspringenden Presseberichterstattung, wie geschehen bei den Beispielen des falschen Müntefering-Twitteraccounts, oder der Bundeswehr-Accounts)
    3. Datenmissbrauch durch fragwürdige Verwendung öffentlich zugänglicher Daten, wie bspw. bei der ASBarometerApp in Großbritannien, oder der Anwendung Please Rob me (wobei diese zwar auf öffentlich zugängliche Daten von Foursquare aufsetzt, aber keine offenen Daten (also nicht-personenbezogenen Daten) der öffentlichen Hand verwendet)
    4. Datenschutzverletzungen durch Datenlecks und Datenhandel wie z.B. geschehen bei den VZ-Netzwerken, oder auch Facebook
    5. Durch die Transparenz im Netz (besonders auch im Hinblick auf die Quellentransparenz bei Open Data) verlieren klassische Medien ihre Exklusivitätsstellung (man setzt ja auch die Weiterveröffentlichung der Daten und Quellen anstelle auf die Exklusivrechte der Verwertung)
    6. Weiterhin werden durch diese Transparenz Medien und Politiker in ihren Aussagen sehr viel überprüfbarer, was für den Bürger durchaus einen positiven Aspekt darstellt, für Medien und Politik allerdings einige Fußangeln bereithält)
    7. Der permanente Strom an Informationen stellt vor allem öffentlich agierende Akteure vor die Herausforderung des permanenten Monitorings – wer transparent und dialogisch, also offen, im Netz agieren will, muss Diskussionen verfolgen und sich darin engagieren, dies jedoch ist zunehmend nur mit viel Aufwand und einem nahezu strategischen Ansatz möglich (gezielter Einsatz von Tools für das Monitoring, etc.)

    Der Umgang mit öffentlichen Meinungsbekundungen

    1. Troll-Verhalten auf Web-Angeboten (hier kann sich das Problem noch erschweren, wenn es bei der Bekämpfung von Troll-Aktivitäten in datenschutzrelevante Bereiche geht, wie kürzlich bei der Debatte um Neven DuMont und Niggemeier geschah)
    2. In der extrem niederschwelligen Meinungsbekundung durch das Signalisieren mittels solcher Funktionalitäten wie einem Like-Button könnte das eigentliche Ziel der Partizipation und Inklusion verwässern („ein Like-Button reicht nicht aus“)

    „Welche negativen Entwicklungen werden prognostiziert und wie können diese verhindert werden?“

    Bei dieser Frage bin ich mir unsicher, welche Antwort hier ein zutreffende sein könnte. Ich denke auch hier spielen viele der oben bereits erwähnten Aspekte und der damit viel zitierte Kontrollverlust eine Rolle. Diese implizite Angst vor dem Verlust einer gefühlten Kontrolle ist meines Erachtens besonders bei vielen Politikern und Verwaltungsbeamten verwurzelt und wahrscheinlich durch eine Prise tradierten Obrigkeitsstaatsdenkens manifestiert. Meiner Meinung nach sind es jedoch zudem auch die größeren Zusammenhänge, die in eine negative Richtung tendieren:

    Infrastrukturell und demografisch bedingte Zugänge zum und Nutzung des Internets

    1. Digitale Spaltung – hier zeichnet sich vor allem eine Spaltung aufgrund des (breitbandigen) Zugangs zum Internet dar (welcher eine klare Diskrepanz im Verhältnis der Gesamtbevölkerung und ihrer Internetnutzung aufweisen dürfte
    Nutzungskompetenz der bestehenden digitalen Angebote
    2. das Verständnis vom Umgang mit digitalen und besonders Web 2.0 (Politik 2.0) Angeboten dürfte einer ähnlichen Ungleichverteilung unterliegen, wie der Zugang zum Internet
    3. dementsprechend dürfte auch die Nutzungskompetenz, Informationskompetenz und schlussendlich eine moderne Medienkompetenz in der Bevölkerung in sehr unterschiedlichem Maße ausgeprägt sein
    4. vor dem Hintergrund der Nutzungskompetenz stehen Unsicherheiten in der Nutzung zu befürchten, die Barrieren für eine verbreitete Akzeptanz von Politik 2.0 Angeboten darstellen könnten (Umgang mit Informationen, Umgang mit elektronischen Systemen, Umgang mit der Online-Öffentlichkeit des eigenen Verhaltens)

    Durchdringung von Open Data und Datenjournalismus

    1. es steht zu befürchten, dass die Umsetzung von Open Data nur schleppend vorangeht (hier stehen die Bezugsgruppen vor allem vor den Problemen eine hohe Datenqualität bei freien Daten sicherzustellen, sie in Echtzeit zu Verfügung zu stellen – was einen hohen Arbeitsaufwand voraussetzt)
    2. auch die Umsetzung von Anwendungen auf Basis offener Daten in Form von APIs, Mashups und Apps scheint momentan noch die Arbeit einiger Enthusiasten zu sein, als ein strukturell integrierter Ansatz in Verwaltungen, Behörden, Unternehmen und Organisationen (dies beruht zum Teil wahrscheinlich auch auf der strittigen Lizenzierungsfrage von offenen Daten: dürfen Unternehmen mit offenen Daten Geld verdienen?)
    3. für einen funktionierenden Datenjournalismus steht man vor der Herausforderung, dass man Strukturen in der Ausbildung schaffen muss, die es Journalisten ermöglichen sich auf einen solchen Bereich zu spezialisieren (hier stehen neben der Offenheit für technologische Aspekte des Internets und deren Beherrschung auch Fachwissen in der Datenrecherche (Data-Mining, Scraping – also dem „Ausschaben“ von Dokumenten, um an Rohdaten zu gelangen und im Programmieren (Stichwort Computer Literacy)
    4. ein weiteres Problem könnten rechtliche Fragestellungen zur Vereinbarkeit von Gesetzgebung und Open Data sein (Stichworte sind hier die Ausgestaltung des Informationsfreiheitsgesetzes (IFG), des Informationsweiterverwendungsgesetztes (IWG) und des Urheberrechtsgesetzes (besteht auf Gesetzestexten ein Copyright?)

    Web 2.0 und damit auch Politik 2.0 heißt vor allem Dialog und permanentes Überzeugen der eigenen Anhänger, aber auch all jener, die Zugang zu den von mir geschaffenen Inhalten erlangen. Vor diesem Hintergrund und der Verpflichtung zum Gemeinwohl und nicht nur der Online-Bürger muss sich die Politik in der Ausrichtung ihrer digitalen Strategien also vor allem Gedanken um eine „gerechte“ Schaffung von Partizipation und Inklusion machen. Aus meiner Sicht können die meisten der oben genannten Probleme durch die konsequente Schaffung einer infrastrukturellen Gleichverteilung (Internetzugang, Bildung und damit Ausbildung in Medienkompetenz) verhindert werden. Eine wichtige Voraussetzung dazu wäre jedoch die Ansprache der richtigen Experten, die in den relevanten Bereichen Entscheidungen treffen oder beratend tätig sind. Eigentlich waren mit der Schaffung der parlamentsinternen und politikberatenden Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft sowie dem Online-Dialog des Bundesinnenministers gute Grundsteine dafür gelegt, leider stellt sich bisher beides als wenig innovativ heraus und scheint wenig entscheidungsfreudig.

  3. […] allgemeinwissenschaftlichen Ergänzungsfach im Bereich Techniksoziologie, habe ich gestern einen virtuellen Gastvortrag an der Beuth Hochschule für Technik, Berlin halten […]

  4. […] einem allgemeinwissenschaftlichen Ergänzungsfach im Bereich Techniksoziologie, einen virtuellen Gastvortrag an der Beuth Hochschule für Technik, Berlin halten […]

  5. Ein kurzer Nachtrag von mir in verbindung mit zwei Linktipps:

    In der Breitband-Sendung (Deutschlandradio Kultur) vom 13.11.2010 gab es einen kurzen Beitrag von Dr. Thomas Gebel zum Thema „Pimp my Democracy! Kann das Netz die Demokratie modernisieren?“. In der Ankündigung heißt es dazu:

    „Politikverdrossenheit war gestern. Das Netz hat neue und sehr einfache Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung geschaffen. Bricht ein Zeitalter der digitalen Basisdemokratie an? Und wie kann politische Teilhabe tatsächlich organisiert werden? Wir sprechen im Schwerpunktinterview mit dem Wissenschaftler Thomas Gebel.“

    Herr Gebel ist Leiter Marketing, Öffentlichkeitsarbeit und Web 2.0 bei der Wirtschafts- und Sozialakademie der Arbeitnehmerkammer Bremen gemeinnützige GmbH (wisoak) in Bremen, einem der größten Anbieter für berufliche Qualifizierung in der Metropolregion Bremen-Oldenburg. Der Beitrag in der Breitband-Sendung ist leider sehr kurz, im Oktober 2009 war Herr Gebel allerdings bereits beim Medienradio zu Gast und sprach dort ausführlicher über die digitale Demokratie, die Reboot_D und das Mitmachen per Netz und die Rolle der Medien. Den Podcast kann man ebenso als mp3 herunterladen.

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